Reise ins Banat

Juli 2014

Im Juni 2014 hatte ich die einmalige Gelegenheit mit einer zwölfköpfigen Reisegruppe aus Kanada und den USA eine Reise in die ehemalige Heimat meines Vaters, Dr. Josef Wüst, zu unternehmen. Alle Reiseteilnehmer waren Nachkommen von Donauschwaben, die ehemals in der Gegend um Zichydorf wohnten und um 1900 nach Übersee ausgewandert waren. Organisiert wurde die Reise von Glenn Schwartz aus Saskatchevan/Kanada, dem Präsidenten der Zichydorf association. Mit von der Partie war diesmal auch Ray Borschowa aus Oregon, der die Übersetzung des Buchs „Verlorene Heimat Georgshausen“ v. Dr. Josef Wüst organisierte.

Am 9. Juni wurde ich am Nachmittag von meiner Reisegruppe, die schon ein paar Tage zuvor in Frankfurt losfuhr, mit einem kleinen Reisebus von zuhause abgeholt. Die erste Nacht verbrachten wir in Ungarn. Tags darauf besuchten wir einige Dörfer im ungarischen Teil des Banats und überquerten bei Kolut die Grenze nach Serbien. Hier ist noch anzumerken, dass alle Reisebegleiter vor der Abreise ihre Wünsche äußern konnten, welche Ortschaften für sie zu besichtigen wichtig waren. Dem entsprechend wurde unsere Route zusammengestellt.

Als wir also die Grenze nach Serbien passiert hatten, stieg sogleich unser Reiseführer Staša zu, der uns ab nun all unsere Wünsche erfüllte. Für mich entpuppte er sich als wahre Perle und ich kann ihn nur weiterempfehlen. Bei Bedarf gebe ich seine Kontaktdaten gerne weiter.
Unser erster Halt war Gakowa, wo wir bei der Gedenkstätte an die einstigen Bewohner des Banats, die in den Lagern ihr Leben lassen mussten, einige Minuten innehalten konnten. Gut vorbereitet wie ich war, zündete ich dort natürlich eine Kerze an.

Weiter ging’s durch verschiedene, einst deutsche Ortschaften wie St. Hubert, Heufeld, Kathreinfeld, Groß Betschkerek und Etschka, wo wir auch übernachteten. Groß Betschkerek und Etschka standen auch auf meiner Liste der wichtigen Orte die ich besuchen wollte.

Am nächsten Tag war unsere erste Station Rudolfsgnad, einst ein schönes blühendes Dorf, in aller Gedächtnis aber als Vernichtungslager und letzte Station für so viele Donauschwaben. Wir besuchten die Gedenkstätte, ich zündete für alle Opfer eine Kerze an. Auch aus dem Heimatdorf meines Vaters liegen dort viele der einstigen Einwohner begraben.

Die Reise führte uns weiter über Sigmundsfeld nach Lasarfeld. Dort suchte Staša für mich die Ruine der einstigen Mühle meiner Verwandten – und er fand sie! Mein Onkel Peter Fochler hat immer von der Mühle seines Vaters erzählt. Jetzt stand ich hier und so viele Geschichten gingen durch meinen Kopf.

Über Stefansfeld und Setschanfeld kamen wir nach Alt Lez, oder Olez, wie ich es aus dem Mund meines Vaters hörte. Dort übernachteten wir in einem schönen, neu renovierten Schloss. Noch vor dem Abendessen kam Brane aus Georgshausen (Velika Greda) in seinem VW Käfer angefahren, um uns zu begrüßen. Alt Lez ist für mich ein sehr wichtiger Ort, von dort stammte meine Großmutter, Anna Fochler. Meine Urgroßeltern liegen dort in einer Gruftkapelle am Friedhof begraben. Diese Kapelle existiert noch, wenn auch in einem etwas desolaten Zustand. Brane packte Staša und mich in seinen Käfer und kutschierte uns durch den Ort. Anhand meinem, von meinem Onkel Martin Fochler gezeichneten Ortsplan versuchten wir die Häuser der Familie Fochler zu finden. Brane zeigte mir einige Plätze, wo ehemals Fochlerhäuser standen und wir fanden das Haus meiner Urgroßeltern, Es sieht zwar furchtbar aus, aber ich war überwältigt.

Nach einer wundervollen Nacht in diesem wunderschönen Schloss fuhren wir am nächsten Tag über Karlsdorf nach Belgrad, wo wir die Burg besichtigten. Dann ging es weiter über Weißkirchen nach Werschetz. Ich kam der Heimat meines Vaters immer näher! Staša musste für mich unbedingt das Massengrab auf der Schinderwiese suchen – und er fand es. Ich zündete natürlich eine Kerze an. Hier liegt mein Großvater begraben und auch vier Brüder meiner Großmutterl, neben den vielen anderen geschundenen Opfern des Krieges. Wir besuchten auch die Kathetrale und spazierten ein bisschen durch die Stadt. Mein Vater ging hier einige Jahre ins Gymnasium, bevor er mit der Schule vor den Partisanen flüchten konnte.

In Werschetz blieben wir drei Nächte und machten jeden Tag Fahrten in die umliegenden ehemaligen Dörfer. Gleich am ersten Tag kamen wir nach Georgshausen. Ich war angekommen. Ich sah all die Plätze, von denen mein Vater immer erzählte, die Birg Villa, die Faul Villa, die Ziegelöfen mit den großen Schornsteinen, das Grundloch. An der Stelle, wo einst das meines Vaters stand, steht jetzt eine kleine katholische Kirche – ich wurde hineingelassen und ich konnte eine Kerze anzünden. Als ich mit meinen Begleitern über die Wiesen hinter den Ziegelöfen vorbei in Richtung Bahnhof ging überwältigten mich meine Gefühle derartig, dass ich völlig unerwartet in Tränen ausbrach.

Nach vielen weiteren Ortschaften, in denen wir überall hauptsächlich die Friedhöfe suchten verließen wir am 15. Juni Serbien und führen nach Temeswar ins rumänische Banat. Auch hier besuchten wir viele einstige Dörfen wie zum Beispiel Josefsdorf, Sackelhauses und Lenauheim.

Am 18. Juni verließen wir das Banat und fuhren über Budapest zurück nach Wien. Bevor sich meine Reisebegleiter aber ihr Hotel begaben, brachten sie mich noch wohlbehalten zurück nach Hause. Zum Abschied lud ich noch alle zu einem Glas Wein beim Heurigen ein.

Es war eine sehr schöne, interessante Reise mit vielen Eindrücken und emotionalen Momenten. Ich werde Glenn Schwartz ewig dankbar sein, dass er mich auf diese Tour mitgenommen hat.